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1200 Tonnen indischer Biobaumwolle hat C&A 2007 verarbeitet, 2008 die sechsfache Menge. Das sind 12,5 Mio. Öko-Leibchen, die zum selben Preis verkauft werden wie ihre konventionellen Gegenstücke ©
Wo Verbraucher grüne Mode finden und wie sie sich vor Ökoetikettenschwindel schützen können. Die in Ökomode höchst bewanderte Textilexpertin Kirsten Brodde stellte ihr Werk „Saubere Sachen“ vor.
Wien. „Wie viel die neuen Ökos inzwischen für saubere und sozialverträgliche Mode ausgeben, weiß momentan niemand genau“, sagt eine, die es wissen muss: Kirsten Brodde, Textilexpertin und Wissenschaftsjournalistin, die einen Blog über grüne Mode führt (kirstenbrodde.de) und am letzten Donnerstag mit Unterstützung von Renate Künast ihr Buch „Saubere Sachen“ vorstellte. Ein Indiz, so Brodde weiter, seien aber die steigenden Erträge der jungen Branche. Das holländische Ökomode-Label Kuyichi steigerte allein von 2004 auf 2005 seinen Umsatz um 2,7 auf 6,1 Mio. € und peilt 12 bis 14 Mio. € jährlich an.
Diese Entwicklung rufe Textilriesen wie H&M oder C&A auf den Plan, denen Umdenken bisher fremd gewesen sei. Ein wirklicher „Marshall-Plan“ fehle den meisten aber, zitiert sie in ihrem Essay „Stoffwechsel“ einen lästernden Joachim Schirrmacher von der Stiftung der deutschen Bekleidungsindustrie, der meint alle schielten jetzt auf Naturfasern und produzierten daraus allzu schrille Kollektionen, die nicht langlebig und damit wirklich ökologisch seien.
Das Problem: die Arrivierten
Brodde selbst sieht, dass die Modemacher von morgen gewillt sind, andere Wege zu gehen. Das Problem liege darin, wie man die Arrivierten schule. Ein Lichtblick sind Trainingsangebote. So berichtet sie, dass das in Amerika ansässige „Organic Exchange“, eine Lobbygruppe für Biobaumwolle, den Sprung nach Europa wagte und ein Büro in Amsterdam eröffnete: „Zur ersten Schulung kamen über 100 Interessierte – Baumwollanbauer und Leiter von Spinnereien aus der Türkei genauso wie Farbenproduzenten und Händler wie Tchibo. Als Anreiz erzählte Phill Chamberlain, Einkaufsdirektor von C&A, welche ambitionierten Pläne der einstmals als hausbacken geschmähte Gigant hat, in dessen 1.200 Läden jeden Tag zwei Mio. Menschen einkaufen. 1.200 Tonnen indischer Biobaumwolle hat C&A 2007 verarbeitet, 2008 die sechsfache Menge. Das sind 12,5 Mio. Öko-Leibchen, die zum selben Preis verkauft werden wie ihre konventionellen Gegenstücke.” Und: Die wirtschaftliche Bedeutung des C&A-Einstiegs für Anbauländer wie Indien, aber auch Uganda oder Peru, sei immens.
Der Tunnelblick
Jedenfalls ortet Brodde trotz aller Bemühungen einen Wermutstropfen: Den Tunnelblick der Newcomer, die sich allzu stark darauf konzentrieren, nur die Rohfaser – die Baumwolle – ökologisch zu optimieren: „Denn das reicht schlichtweg nicht, wenn das Kleidungsstück beim Spinnen, Weben, Färben und Veredeln dann doch noch mit einer Flut von Chemikalien traktiert wird, die es zu wahrer ,Reizwäsche‘ machen. So kann eine Jeans, die mit rabiaten Methoden auf alt und löchrig getrimmt wurde, immer noch das Etikett ,100 % Biobaumwolle‘ tragen, was zwar nicht falsch, aber allenfalls die halbe Wahrheit ist.” Das stoße vielen Pionieren und Kontrolleuren der Branche bitter auf, die darauf beharren, ein grünes Kleidungsstück müsse auf dem ganzen Weg bis in den Schrank weitgehend ohne chemische Mitgift bleiben. Eher beiläufig, schreibt Brodde weiter, sei in Amsterdam darüber berichtet worden, dass es endlich ein weltweit gültiges Siegel gibt, das deutlich mehr Klimmzüge von der Branche verlange: „Der ‚Global Organic Textile Standard‘ – kurz GOTS – regelt mit Positivlisten, welche optischen Aufheller oder Farbstoffe auf die Kleidung dürfen. So nötigen die Macher die zögerliche Chemieindustrie, weniger problematische Substanzen für die ,Textilveredelung‘ zu entwickeln, in der sage und schreibe rund ein Viertel der weltweit produzierten Chemikalien eingesetzt werden.” Die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie lehnt ein derartiges Siegel jedoch ab. Christina Messner, Referentin für Umwelt und Energie beim Gesamtverband Textil + Mode, verwies auf das Eigenengagement. „Alles, was in Richtung einer Verpflichtung läuft, ist in der Regel schlecht, weil es die Freiwilligkeit eingrenzt.“ Zudem sei Naturware nicht immer umweltfreundlicher, da z.B. Chemiefasern mit weniger Wasser hergestellt werden könnten als Baumwolle.
Stichwort Greenwashing
Chemiebelastete Ware als Bio zu verkaufen: Solche eklatanten Fälle seien noch nicht bekannt, erläutert Brodde, fügt aber hinzu, dass einige Produkte zumindestens zweifelhaft wären: „So stillen einige Firmen und Kunden ihr Verlangen auf neue grüne Naturfasern mit Ware aus Bambus, werblich oft Bamboo genannt.“ In diesem Zusammenhang zitiert sie Inspektorin Mecki Naschke von der Schweizer Kontrollstelle IMO, Spezialistin für grüne Mode. Die meint: „Hier dient Bambus aber lediglich als Rohstoff für Zellulose, die dann zu Viskose weiterverarbeitet wird.“ Um die Zellulose auszukochen und die Spinnmasse zu gewinnen, sei der ausgiebige Einsatz von Chemikalien nötig. Brodde. „Von öko kann man da nicht mehr reden. Viskose, Modal oder Tencel gelten deshalb als Chemiefasern und haben mit echten Naturprodukten – wie Hanf, Sisal, Nessel oder Kapok, die im Kommen sind – nichts zu tun.” (Alexandra Binder)
Brisante Fragen:
Wie viel Biobaumwolle wird geerntet?
Die Erntemengen der Naturfaser sind 2008 prognostizeirt auf rund 100.000 t gestiegen. Das entspricht einem Anteil von 0,4 Prozent an den weltweiten Ernterträgen von Baumwolle, die bei rund 25 Mio. t liegen.
Woher kommt die Biobaumwolle?
Fast 40% stammen aus der Türkei, 32% aus Indien. Es folgen China (7,7%), Peru (3,5%) und Uganda (3,1%).
Wer kauft die meiste Biobaumwolle?
Die fünf Großen heißen: Wal-Mart, Nike, Woolworth, Coop Schweiz und C&A. Bis 2010 sollen die Umsätze mit Biobaumwolle weltweit auf 6,8 Mrd. USD steigen. Am stärksten im Kommen ist C&A: 2008 verarbeitete man 7.500 t Biobaumwolle – das sind 7,5% der gesamten Erntemenge.
Wie wichtig sind Kunstfasern am Markt?
Knapp 60% aller Fasern für Kleidung stammen heute aus der Chemiefabrik. 40% steuert herkömmliche Baumwolle bei. Die mit Abstand wirtschaftlich wichtigste Kunstfaser ist Polyester. Fast 80% der weltweiten Chemiefaserproduktion entfallen darauf.
Was ist besser an Biobaumwolle?
Konventionell angebaute Baumwolle wird ausgiebig mit Kunstdüngern und Pestiziden traktiert – für jedes T-Shirt landen 150 Gramm Gift auf dem Acker. Die Fasern für ein Shirt aus Biobaumwolle hingegen werden ohne Agrargifte produziert. Das größte Umweltproblem ist jedoch der enorme Wasserdurst der Baumwollstauden. Rund 2.000 l Wasser sind nötig, um genug flauschige Samenfäden für ein T-Shirt zu ernten. Natürlich muss auch Biobaumwolle bewässert werden.
Wie schneiden andere Naturfasern ab?
Hanf oder Flachs (Leinen) erscheinen umweltfreundlicher, weil sie erheblich weniger Wasser benötigen. Bislang spielen sie aber kaum eine Rolle. 2009 ist das UN-Jahr der Naturfasern: Für einige Exoten wie Sisal, Nessel, Kokos oder Kapok erhoffen sich die Hersteller dadurch eine steigende Popularität. Quelle: „Stoff-Wechsel“. Grüne Mode auf dem Prüfstand (GPM 3/08)
Mehr unter:
www.kirstenbrodde.de
www.cleanclothes.org/
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